Spanische Zuwanderer in Heidelberg - Interview mit Matthias Stolzenburg (IHK Rhein-Neckar)

28.08.14, 16:24:34 von poseidon
An der IHK Rhein-Neckar in Heidelberg gibt es seit 2013 ein Projekt, das Spaniern ermöglicht in Heidelberger Betrieben eine Berufsausbildung zu absolvieren. Seit Juni 2014 hält sich der 2.Jahrgang in Heidelberg auf, zehn Spanier dieses 2.Jahrgangs absolvieren derzeit in Heidelberger Betrieben und in der Evangelischen Diakonie ein Praktikum. Das Projekt wird von Herrn Matthias Stolzenburg koordiniert - die Poseidon hat sich mit Herrn Stolzenburg in Heidelberg getroffen um mehr über die Umsetzung dieser Initiative zu erfahren. Wir freuen uns sehr, dass uns Herr Stolzenburg die folgenden Fragen beantwortet hat.

Sie betreuen bei der IHK Rhein-Neckar ein Projekt, das sich an Spanier richtet, die sich in Heidelberg eine berufliche Zukunft aufbauen möchten. Mit welchen Institutionen arbeiten Sie im Rahmen der Initiative zusammen? Haben Sie in Spanien einen Projektpartner?

Das Projekt „Move for your future – Welcome to Heidelberg“ ist aus der Initiative von drei mittelständischen Heidelberger Betrieben entstanden. Um diese auch noch heute beteiligten Betriebe herum hat sich ein Netzwerk von Partnern gebildet, welche das Programm vorantreiben. Hier ist neben der IHK Rhein-Neckar zuerst die Heidelberger Dienste gGmbH zu nennen, welche als Projektkoordinatorin und „Kümmerer“ auftritt. Daneben sind aber auch die Kreishandwerkerschaft, die Wirtschaftsförderung der Stadt Heidelberg sowie die Agentur für Arbeit als Partner beteiligt.
In Spanien arbeiten wir mit der AHK in Madrid zusammen, welche für uns Teile des Bewerbungsverfahrens abwickelt, sowie mit dem International Formation Center, welches die Sprachkurse im Heimatland übernimmt.


Warum wurde das Projekt ins Leben gerufen?

Die Geschäftsführer der beteiligten Unternehmen kamen zu dem Schluss, dass sie etwas unternehmen wollen, als die Wirtschaftskrise Spanien traf. Sie wollten mit dem Projekt gleichzeitig etwas gegen den zunehmenden Mangel an qualifizierten Auszubildenden hier in Heidelberg tun und jungen Erwachsenen aus Spanien eine Zukunftsperspektive bieten.

Wer kann sich in Spanien für das Projekt bewerben? Welche Voraussetzungen müssen die Bewerber erfüllen?

Grundsätzlich muss ein Bewerber zunächst volljährig sein. Unsere Zielgruppe sind primär junge Erwachsene Anfang Zwanzig, die schon über eine gewisse Reife verfügen. Ansonsten haben wir keine festen Voraussetzungen definiert. Welche Vorausbildungen ein Kandidat hat, ist für uns zunächst nur zweitrangig. Wichtiger ist die Motivation, sich für eine Ausbildung im Ausland zu entscheiden und sich in einer fremden Stadt einzuleben.

Wie läuft die Rekrutierung ab? Wie alt sind die ausgewählten Kandidaten?

Über unsere Partner von der Auslandshandelskammer in Madrid werden die Profile für die Ausbildungsplätze auf der Jobbörse der AHK auf Spanisch eingestellt (http://ofertas.ahk.es/). Die Bewerbungen gehen dabei auch an die AHK, welche eine Vorauswahl für die Bewerbungsgespräche vornimmt. Diese werden dann vor Ort in Madrid von Vertretern der Firmen geführt. Dabei greifen wir auf Dolmetscher zurück, da die Kandidaten zu diesem Zeitpunkt üblicherweise nur Spanisch sprechen.

Die Zielgruppe sind wie bereits erwähnt junge Erwachsene, vornehmlich ab 20 Jahren, die bereit sind für eine gute Ausbildung sich auf ein fremdes Land einzulassen.

Wie viele Personen haben sich in Spanien beworben? Kommen die Kandidaten aus dem Raum Madrid oder auch aus anderen Regionen in Spanien?

Die Resonanz auf den Start des Projekts war gewaltig – für fünfzehn ausgeschriebene Ausbildungsplätze haben wir damals um die 600 Bewerbungen bekommen. In der zweiten Runde dieses Jahr war das Interesse geringer, aber immer noch groß. Gleichzeitig hat sich auch das Profil der Kandidaten verändert – waren bei den Auswahlgesprächen Anfang 2013 praktisch alle Bewerber aus Madrid und der näheren Umgebung, so haben wir in diesem Jahr zu ungefähr 50 % Bewerber, die aus anderen Regionen Spaniens stammen.

In welchen Berufszweigen werden die Zuwanderer ausgebildet? Besuchen die Zuwanderer eine Berufsschule?

Die beteiligten Betriebe bilden aus zum Fenster- und Fassadenbauer, Dachdecker sowie Gebäudereiniger. Seit diesem Jahr ist noch die Evangelische Diakonie hinzugekommen, die im Bereich Altenpflege ausbildet. Die Spanier sind dabei vollständig in die „reguläre“ Ausbildung eingebunden, wozu eben auch der Besuch der Berufsschule zusammen mit ihren deutschen Kollegen gehört.

Wie wird das Programm finanziert? In welcher Form werden die Zuwanderer finanziell gefördert?

Neben den Betrieben selbst, die einen großen Teil der Kosten übernehmen, sowie einer finanziellen Förderung durch IHK und Kreishandwerkerschaft nutzen wir das EU-Projekt MobiPro. Dieses nutzen wir vor allem, um die Vergütung für die Azubis auf 816 Euro anzuheben, damit sie sich das Leben in einer doch recht teuren Stadt wie Heidelberg leisten können. Über das Programm lassen sich aber auch andere Ausgaben finanzieren, so z.B. die Reisekosten der Azubis. Dennoch bleibt ein großer Teil des Aufwands und der Kosten bei den beteiligten Unternehmen, welche sich für das Projekt wirklich vorbildlich einbringen und große Anstrengungen auf sich nehmen.

Wie werden die ausgewählten Bewerber auf ihren Aufenthalt in Heidelberg vorbereitet? Gibt es schon vor dem Beginn des "Abenteuers Heidelberg" Kontakte oder persönliche Gespräche?

Zunächst halten wir es für wichtig, dass die beteiligten Betriebe selbst nach Spanien fliegen, um dort die Auswahlgespräche durchzuführen. Die Bewerber sollen sehen, dass die Unternehmen hinter dem Projekt stehen. Während der Zeit zwischen den Bewerbungsgesprächen und dem Start des Praktikums in Heidelberg haben wir eine wöchentliche Skype-Sprechstunde eingerichtet. Die zukünftigen Auszubildenden haben so die Möglichkeit, mit den Projektverantwortlichen direkt alle entstehenden Fragen zu klären. Wir sind zudem noch ein zweites Mal nach Spanien geflogen und haben für die Praktikanten und deren Familien einen Empfang bei der AHK veranstaltet, um Vertrauen aufzubauen.

Besuchen die Kandidaten in Spanien und in Deutschland Sprachkurse? Welches Sprachniveau sollen die Teilnehmer erreichen?

Wir folgen hierbei von Anfang an den Empfehlungen, welche die Zentrale Auslandsvermittlung der Agentur für Arbeit vorgibt: Vier Monate Sprachkurs im Heimatland in Vollzeit, anschließend ein weiterer Monat Vollzeit-Sprachkurs in Deutschland. Anschließend wird begleitend zum Praktikum in den Betrieben noch zwei Mal in der Woche Sprachunterricht angeboten. Das Ziel ist es, dass alle Kandidaten das Sprachniveau B1 erreichen.

Sind die beteiligten Betriebe interessiert, die bei ihnen ausgebildeten Spanier langfristig zu beschäftigen?

Ein uneingeschränktes Ja. Ansonsten würde das Verfahren, Auszubildende und nicht fertige Fachkräfte zu suchen, auch wenig Sinn ergeben. Unsere Unternehmen betrachten das Projekt als klare Investition in die Zukunft.

Wie sieht Ihre Bilanz des Projektes aus? Soll das Projekt fortgesetzt werden?

„Move for your future“ ist in meinen Augen ein Erfolg. Fünfzig Prozent der Spanier, die für ein Praktikum gekommen sind haben einen Ausbildungsvertrag unterschrieben. Das ist ungefähr der Wert, den wir auch angepeilt hatten. Die Spanier, die hier geblieben sind, werden von ihren Betrieben sehr positiv gesehen. Auch die Zeugnisse aus der Berufsschule sind sehr gut. Eine Fortsetzung des Projekts ist noch nicht beschlossen, das müssen vor allem die beteiligten Unternehmen entscheiden. Ich persönlich würde mir eine Fortsetzung aber definitiv wünschen.

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