Interview mit Josha Frey - Europapolitischer Sprecher der Grünen im baden-württembergischen Landtag

30.09.14, 10:17:00 von poseidon
Josha Frey ist Europapolitischer Sprecher der Grünen im baden-württembergischen Landtag. In Baden-Württemberg leben so viele Zuwanderer wie kaum in einem anderen Bundesland, auch derzeit wandern viele Menschen unter anderem aus Südeuropa nach Baden-Württemberg ein. Als Europapolitischer Sprecher der Grünen und als Abgeordneter seines Landkreises Lörrach beschäftigt sich Herr Frey intensiv mit dem Thema Zuwanderung und Integration der Zuwanderer.
Im Rahmen unserer Arbeit hat sich die Poseidon mit Herrn Frey getroffen. Wir freuen uns sehr, dass er uns die folgenden Fragen beantwortet hat!

Als Europapolitischer Sprecher der Grünen und Ihres Landkreises Lörrach beschäftigen Sie sich auch mit den Themen Zuwanderung und Integration von Zuwanderern. In den letzten zwei Jahren sind aus südeuropäischen Ländern viele Menschen nach Baden-Württemberg eingewandert. Braucht Baden-Württemberg Zuwanderung?

Baden-Württemberg steht wie viele Länder aufgrund der demographischen Entwicklung vor einer großen Herausforderung: Angesichts der tendenziell abnehmenden Bevölkerung brauchen wir natürlich auch auswärtige Fachkräfte, allein um unsere Wirtschaft und Sozialversorgung auf dem derzeitigen Niveau zu halten. Da die Anforderungen –beispielsweise im Pflegebereich- eher steigen werden, ist der Zuzug von Fachkräften zum Beispiel aus Spanien und Portugal nicht nur eine begrüßenswerte Tendenz im Sinne eines gelebten und zusammenwachsenden Europas sondern geradezu auch eine Notwendigkeit.

In Baden-Württemberg gibt es zahlreiche Projekte, so zum Beispiel von diversen Handelskammern, die sich zum Ziel setzen Zuwanderer anzuwerben und ihnen den Berufseinstieg zu erleichtern. Gibt es auch von Seite des Landes Baden-Württemberg Programme oder Initiativen, die sich mit dem Thema Zuwanderung beschäftigen?

Das Land beschäftigt sich auf mehreren Ebenen mit dem Thema Zuwanderungspolitik. So war ich in diesem Jahr mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann zur Unterzeichnung eine Abkommens zur Verbesserung der Fachkräftemobilität mit unserer Partnerregion Katalonien und Spanien. Auch in der aktuellen Haushaltsplanung wird das Wirtschaftsministerium die Einrichtung und Finanzierung von 11 „Welcome-Centern“ ermöglichen.
Diese Anlaufstellen sollen die aktiv gelebte Willkommenskultur für internationale Fachkräfte in Baden-Württemberg weiter ausbauen.


Viele Spanier, Italiener und Portugiesen, die in den letzten zwei Jahren nach Deutschland eingewandert sind, fühlen sich heute in Deutschland heimisch. Allerdings sind auf der anderen Seite viele Südeuropäer wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Welche Massnahmen müssen ergriffen werden um Deutschland noch attraktiver für Zuwanderer zu machen?

Ich denke, dass es für die Rückkehr viele unterschiedliche Gründe haben kann. Zu Beispiel möchten viele der internationalen Fachkräfte ihren Ruhestand gerne in ihrem Heimatland und im Kreise ihren Verwandten verbringen oder kehren aus familiären Gründen zurück. Damit die Ankommenden aber leicht heimisch bei uns werden und sich auch langfristig mit Deutschland und Baden-Württemberg verbunden fühlen, braucht es eben eine Willkommenskultur, wie wir sie ja auf den Weg bringen.

Sollten potentielle Zuwanderer bereits in ihren Heimatländern besser auf ihren Aufenthalt in Deutschland vorbereitet werden? Oder genügt es, wenn Sprachkurse und andere Integrationsmassnahmen erst in Deutschland angeboten werden?

Aufgrund von Beispielen in meinem Wahlkreis Lörrach weiß ich, dass eine gute kulturelle und sprachliche Vorbereitung vor der Ankunft in Deutschland einen sehr wichtigen Bestandteil für ein erfolgreiches Einleben darstellen. Mit ausgeprägten Deutschkenntnissen werden die ersten Hürden genommen, um sich auch außerhalb einer womöglich englisch-sprachigen Berufswelt im Alltag schnell einzuleben.

Haben Sie den Eindruck, dass Arbeitsagenturen, Jobcenter oder auch Unternehmen die Zuwanderer ausreichend beraten und betreuen?

Natürlich ist die Kompetenzbildung zur Betreuung von internationalen Fachkräften aufgrund unterschiedlicher Erfahrungsstände und finanziellen Ausstattung noch recht unterschiedlich ausgeprägt. Dass es hier daher noch Entwicklungspotenzial gibt, gehört selbstverständlich zum Lernprozess in puncto Integration und Willkommenskultur.

Wie ist die Situation in ihrem Landkreis Lörrach? Welche Initiativen oder Programme gibt es in Lörrach und in Südbaden, die den Zuwanderern den Einstieg erleichtern? In welchen Branchen arbeiten diese Zuwanderer?

Besonders vertraut bin ich mit einem Austauschprojekt, aus dem Supermarktbereich, bei der die Firma Hieber eine federführende Rolle spielt. Dabei erhalten katalanische Jugendliche nach einem Vorbereitungskurs in Barcelona die Möglichkeit, ihre Ausbildung in diversen Verkaufs- und Beratungsbereichen in den Märkten zu absolvieren. Aus dem Speditionsbereich kenne ich zudem die Kooperation zwischen einer Kaufmännischen Schule in Stuttgart und der FEDA Business School Madrid, die dieses Jahr ins Leben gerufen.

Lörrach liegt direkt an der Grenze zu Schweiz, auch in der Schweiz werden gerade im Gesundheitswesen Fachkräfte benötigt. Arbeiten inzwischen auch ursprünglich nach Südbaden zugewanderte Fachkräfte in der Schweiz?

Es ist ein allgemeines Phänomen, dass Fachkräfte aus Südbaden dem in finanzieller Hinsicht oft attraktiven Ruf in die Schweiz folgen. Auch wenn mir keine genauen Zahlen hierzu bezüglich möglicher unterschiedlicher Tendenzen von nach Südbaden zugezogenen und heimischen vorliegen, würde es mich sehr wundern, wenn internationale Fachkräfte nicht auch den Blick und Gang über die Schweizer Grenze wagen würden.

Baden-Württemberg ist in dem Netzwerk "Vier Motoren für Europa" mit den Regionen Rhône-Alpes, Lombardei und Katalonien verbunden. Gibt es im Rahmen dieser Partnerschaften Initiativen, die zum Beispiel die berufliche Ausbildung betreffen?

Baden-Württemberg arbeitet mit vielen europäischen Partnern zusammen. Gerade im Bereich der Vier Motoren und mit unseren Nachbarländern kooperieren wir auf vielfältige Weise. Hierzu gehören natürlich auch Projekte im Bereich der beruflichen Ausbildung. Ein besonderes Beispiel hierfür ist –unter vielen anderen- die zwischen vielen Partnern aus politischen Gebietskörperschaften und Handelskammern getroffene Rahmenvereinbarung zur grenzüberschreitenden Berufsausbildung am Oberrhein, bei der neben Baden-Württemberg und dem Elsass auch Rheinland-Pfalz engagiert sind. Hierbei werden Mobilitätshemmnisse für angehende Fachkräfte schon bei der Berufsausbildung abgebaut.

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