Deutsch als Fachsprache - Jura in Coimbra

13.02.12, 20:12:05 von poseidon
Immer mehr Deutschlerner möchten den Fremdsprachenerwerb mit der Fachsprache ihres Studiengangs oder Berufs verbinden. So werden verstärkt Sprachkurse angeboten, die dem Rechnung tragen. Inzwischen gibt es Deutschkurse für Krankenpfleger, Ingenieure oder Politologen. In vielen Tourismus-Studiengängen werden Sprachkurse angeboten, die auf den Berufsalltag vorbereiten.
Gerade in Krisenzeiten, in denen viele junge Italiener, Spanier und Portugiesen berufliche Perspektiven in deutschsprachigen Ländern suchen, nimmt die Bedeutung des Fachsprachenunterrichts zu.
Das Thema Fachsprachenunterricht wird somit auch bei unserer Netzwerk-Arbeit breiten Raum einnehmen. Welche Fachsprachenkurse gibt es in Italien, Spanien und Portugal? Werden diese Kurse in Sprachenzentren angeboten oder sind das Kurse, die fest in Studiengängen verankert sind? Welche Lehrmaterialien gibt es? Viele Fragen, wir werden Antworten suchen.

Eine lange Tradition haben Deutschkurse für angehende Juristen an der Universität Coimbra. Das Poseidon-Mitglied Bernd Speidel (Universität Coimbra) unterrichtet dort seit vielen Jahren DaF-Fachsprachenkurse für Juristen. Hier folgt sein Beitrag zur Deutschen Rechtssprache in Coimbra.


Recht ist ist in erster Linie nationales Recht. Lehre und Studium der Rechtswissenschaft beziehen sich vor allem auf das eigene Recht, und die Adressaten von wissenschaftlichen Arbeiten sind vor allem nationale Leser. Während in anderen Wissenschaften die Internationalisierung der Forschung dazu geführt hat, dass das Englische andere europäische Sprachen verdrängt, trifft dies in der Rechtswissenschaft bestenfalls auf Teilbereiche zu. Wer sich über das Recht und den Diskussionsstand der Lehre eines anderssprachigen Landes eingehend informieren möchte, muss grundsätzlich diese andere Sprache sehr gut lesen können.

Hinzu kommt, dass angloamerikanische Rechtstraditionen sich von kontinentaleuropäischen zwar nicht grundsätzlich, so doch genügend stark unterscheiden, dass es auch heute noch üblich ist, von "Rechtsfamilien" zu sprechen. Innerhalb der kontinentaleuropäischen Rechtsfamilie kommt der deutschen Rechtswissenschaft eine traditionell herausragende Rolle zu. So mancher "Klassiker" der deutschen Rechtswissenschaft mag in romanische Sprachen übersetzt vorliegen. Wer jedoch aktuelle Diskussionen verfolgen möchte, kommt nicht umhin, auf deutsche Veröffentlichungen zurückzugreifen. Nicht nur von portugiesischsprachigen Forschern, auch von spanischen und italienischen Juristen hört man, wie wichtig die deutsche Lehre - und damit die deutsche Sprache - gerade für ihr Fachgebiet sei. Und viele Professoren überraschen mit ausgezeichneten Deutschkenntnissen.

In Zeiten, in denen sich das Studium noch mehr an einem wissenschaftlichen Fachkanon ausrichtete, waren in Portugal Deutschkenntnisse, neben Latein, sogar Voraussetzung für das Jurastudium! Was vor 50 Jahren noch ganz selbstverständlich akzeptiert wurde, wirkt heutzutage angesichts eines Curriculums, das sich durch die juristische Berufspraxis rechtfertigen soll, eher schrullig. So befindet sich mancher Doktorand das erste Mal vor der Notwendigkeit, deutsche Texte lesen zu müssen, wenn er bereits in seinen Forschungsarbeiten fortgeschritten ist und erkennen muss: die etablierte Rechtswissenschaft hält nach wie vor die Information über den Diskussionsstand in Deutschland auf den verschiedensten Rechtsgebieten für unerlässlich, und ohne die Rezeption der deutschsprachigen Literatur des jeweiligen Fachgebietes verdient die Dissertation nicht ihren Namen.

Die zur Verfügung stehenden Deutschkurse setzen aber nicht bei der Lesefertigkeit an, sondern reproduzieren, so weit wie möglich, natürliche Sprachenlernprozesse. Hören und Sprechen stehen im Anfängerunterricht regelmäβig im Vordergrund. Der hoffnungsvolle Doktorand sieht seine Zeit in einem solchen Kurs dahinschwinden, denn er muss ja jetzt, sofort! seine Bibliographie zusammenstellen. Damit sind die Bedürfnisse unseres Zielpublikums umrissen.
Der erste Lesekurs für Rechtswissenschaftler an der Uni Coimbra fand 1990 statt und ging auf eine Initiative des damaligen DAAD-Lektors Hans-Werner Huneke zurück. Wir gingen davon aus, dass es möglich sein müsste, innerhalb weniger Monate so weit in der Lesefertigkeit von Texten des Fachgebietes zu kommen, dass der sinnvolle Einschluss deutschsprachiger Fachliteratur in die Forschungsarbeiten möglich wird. Die Methode arbeitet von Anfang an mit authentischen Fachtexten. Der Spezialist kann nämlich, bei gegebenem Kontext, den Inhalt relativ leicht (wieder)erkennen, denn die Organisation des Rechts und des juristischen Denkens mögen zwar von der Welt des Durchschittsbürgers entfernt liegen, aber sie gleichen sich international zum Teil bis in überraschende Einzelheiten hinein. So wird es möglich, sich von Anfang an auf eine Lesegrammatik zu konzentrieren, die thematisiert, was in normalen Deutschkursen kaum oder erst in einem weit fortgeschrittenem Stadium geübt wird - jene Strukturen eben, die gerade in wissenschaftlichen Fachtexten häufig sind, ansonsten aber eher selten gebraucht werden.
Zugegeben, mit Doktoranden der Rechtwissenschaft ist eine gewisse Vorauswahl getroffen, eine Elite, die - zumal meist hochmotiviert durch die "Todesangst" vor einer ohne deutsche Titel in der Bibliographie entwerteten Dissertation - dem Lehrer die Arbeit erleichtert. Und dennoch erstaunt es immer wieder und es ist eine Freude, wenn Lerner nach etwa fünf Monaten die Texte ihres Spezialgebietes mit befriediedigenden Ergebnissen zu lesen im Stande sind.
Wir haben die im ersten Kurs benutzen Materialien als Selbstlernlehrbuch herausgegeben. Von 1995 an gab es dann an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät fast jedes Jahr einen Sprachkurs "Alemão Jurídico". Seit 2007 wurde daraus ein Wahlfach im 4. Semester, eine sicherlich interessante Aufgabe, jedoch mit einem anderen Publikum, was verlangt, dass neben der Lesegrammatik auch andere Inhalte wie eine Einführung in die deutsche Kultur und das Rechtssystem Berücksichtigung finden. Nullanfänger wären dabei überfordert. Die traditionelle Arbeit mit Forschern läuft auf privater Ebene weiter, etwa im Rahmen des Sprachenzentrums an der Uni.

Kurse an einer Uni in Lissabon, 200 km von Coimbra entfernt, wurden von mir im B-Learning Modus organisiert. Alle zwei Wochen gab es Präsenzunterricht, dazwischen fand - in fortgeschrittenem Stadium auch mit individualisierten Inhalten - die Arbeit auf der Lernplattform Moodle statt. Es hat sich gezeigt, dass man bei diesem Publikum auf eine reiche Erfahrung der Arbeit mit Computer und Internet zurückgreifen kann, so dass die befremdende Lernumgebung relativ leicht akzeptiert wird und die Orientierung keine allzu groβen Reibungsverluste mit sich bringt. Die Vorteile, jeweils dann arbeiten zu können, wenn man Zeit dazu frei machen kann, wissen solche Lerner zu schätzen, die häufig verantwortungsvolle Positionen in der Lehre, in Anwaltsbüros oder in der Verwaltung einnehmen.

Ein E-Learningkurs “Alemão Jurídico” baut auf diesen Erfahrungen auf. Er wird vom Fernlehre-Programm der Universität Coimbra UC_D angeboten (das “D” steht für “distância”) und hat bisher, Februar 2013, zwei Auflagen hinter sich. Zielgruppe sind dabei besonders auch brasilianische Juristen. Sehr viele Brasilianer kommen für ihre Forschungen nach Coimbra, aber auch in Brasilien selbst wird die deutsche Lehre hoch gehalten und ein Einblick in sie häufig vorausgesetzt. So war es nicht weiter erstaunlich, dass sich die Gruppen zum Groβteil aus Brasilianern zusammensetzten. Bisher hat die Zahl der Bewerbungen stets die der vorhandenen Kursplätze überschritten.
Der Kurs vermittelt in 5 Modulen von je 3 Wochen und einem vorausgesetzen Einsatz von 1,5 bis 2 täglichen Arbeitsstunden zunächst die Grundlagen einer Lesegrammatik. Die letzten zwei Module sind flexibel gehalten und beziehen sich auf die Themen und Texte, die im Zusammenhang mit den Forschungsschwerpunkten der Teilnehmer stehen. Dabei werden die Stilmittel der verschiedenen Textsorten “entdeckt”, die Grammatikregeln vertieft und das Fachvokabular geübt.
Ankündigung des Kurses: ALEMAOJURÍDICO
Beschreibung des Kurses: KURSBESCHREIBUNG (Portugiesisch, auf S. 11 der Publikation).

Auch in anderen Universitäten Portugals gab oder gibt es Lesekurse für Juristen. An der Universiät Minho in Braga war eine vom DAAD entsendete Fachlektorin tätig, und auch nach ihrer Rückkehr nach Deutschland wird "Alemão Jurídico" als Wahlpflichtfach angeboten. Freikurse gab es an der Universität Porto. In allen Fällen richteten sich Methode und Inhalte nicht ausschlieβlich an fortgeschrittenen Deutschlernern aus.
Die Abkürzung zum Lesen von wissenschaftlichen Fachtexten ist ein gehbarer Weg - kein Königsweg, sondern ein aus der Not geborener. Aber "der Rest" der deutschen Sprache lässt sich parallel oder später immer noch aneignen. So werde ich, wenn ich sie nach Jahren wieder sehe, von ehemaligen Kursteilnehmern gelegentlich auf Deutsch angesprochen: das haben sie garantiert nicht bei mir gelernt. Aber vielleicht haben sie den Anstoβ dazu in "Alemão Jurídico" bekommen.

Alle Kommentare RSS

  1. Martina Merklin sagt:
    Ich unterrichte zur Zeit eine Juristin mit Bernds und Werners altem Lesekurs. Macht Spass und funktioniert gut! Martina
    Bernd: Würde gern Genaueres über deinen Fernkurs an der Uni Coimbra erfahren.

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